On the Road with Madiba

Und der Roadtrip geht weiter. Vom Strand in Wilderness machten wir uns auf zur letzten Station gen Osten nach Plettenberg Bay, bevor es dann wieder zurück Richtung Kapstadt gehen sollte. Die Fahrt nach „Plett“ dauert zwar nur eine gute Stunde. Dennoch nutzten wir die Zeit, um eines der seltenen Weingüter in den Plettenberg Winelands zu besuchen, Packwood. Sechs Kilometer von der Hauptstraße entfernt erreicht man über eine gravel road dieses kleine Idyll. Die Menge der hier produzierten Weine reicht gerade mal für ein bisschen Export und für einige Restaurants in der Umgebung. Also höchst exklusive Ware, die zum Teil noch nicht einmal ein Label trägt, da es sich für die wenige Flaschen nicht lohnt, eines zu entwerfen. Ein Papp-Anhänger muss da reichen.

Von Plettenberg aus kann man eine Reihe der Ausflüge machen, die man zumindest einmal erlebt haben muss. Dazu gehört ein Besuch im Tsitsikamma National Park mit den beiden Hängebrücken über dem Storms River Mouth, dem Big Tree oder der Bloukrans Brücke mit den Wahnsinnigen, die sich mit einem Bungeeseil 216 Meter von Afrikas höchster Brücke in die Tiefe fallen lassen. Wir wollten in diesem Jahr jedoch erstmals den Bloukrans Pass fahren, der nach jahrzehntelanger Schließung im Herbst letzten Jahres für den normalen Verkehr wieder geöffnet wurde. Daraus wurde aber leider nichts, da durch Wettereinflüsse der Pass nahezu unpassierbar ist und wir nicht riskieren wollten, irgendwo stecken zu bleiben. Also hatten wir mehr Zeit für andere Sachen.

Nach Plett sind wir auch gekommen, um unsere Freunde Lea und Cliff aus Port Elizabeth, jetzt Gqeberha, hier zu treffen. Bei ihnen haben wir viele Jahre in ihrem Guesthouse gewohnt. Da wir auch in diesem Jahr nicht nach PE fahren konnten – das war zeitlich nicht drin – trafen wir die beiden wie schon vor zwei Jahren in Plett; zum Lunch in einer umgebauten Scheune vor den Toren der Stadt, im Ouland Royal Restaurant, im The Grand zum Valentinstag-Abendessen und am nächsten Tag im Barrington’s Restaurant. Jeden Abend waren wir die letzten Gäste und hatten viel Spaß miteinander, und mit den Kellnerinnen und Kellnern. Schon jetzt freuen wir uns auf Wiedersehen, wann und wo auch immer. Links zu Gastro und Co. findet ihr übrigens hier im Blog auf der Plettenberg-Seite.

Den ausgefallenen Ausflug zum Bloukrans Pass kompensierten wir mit einem Tag Geocaching. In Südafrika gibt es eine riesige Zahl an versteckten Geocaches. In einem früheren Beitrag hab ich dazu schon einmal etwas geschrieben. In Plettenberg kann man so die Stadt gut erkunden und einiges aus der Geschichte erfahren. Und da es an diesem Tag nicht so heiß, sondern eher regnerisch war, machten wir uns also auf die Suche nach den kleinen versteckten Containern. An einem besonders schönen Ort war ein Cache versteckt, der den Blick über das gesamte Piesang Valley eröffnete, in dem wir 2023 gewohnt hatten. Von hier aus sah man auch die nahen Robberg Hügel, die wir vor einigen Jahren bewanderten. Robberg konnten wir auch vom Strand aus sehen, als wir nach einem weiteren Cache fahndeten. Der versteckte sich nahe einem Wachposten für Hai-Sichtungen. Nun wissen wir auch, dass falls man jemals von einem Hai angegriffen werden sollte, am Strand ein Ersthelfer-Kit für den Fall der Fälle zur Verfügung steht.

Im Old Nicks Village sollte man am besten Mittwochs vorbeischauen, denn dann gibt es in diesem kleinen Stöber-Paradies einen Neighborhood Market. Er hält neben so manchem nützlichen Tool für Haushalt und Deko auch fantastische kleine und große, oftmals selbstgemachte Leckereien bereit. SamOOsas zum Beispiel, die mit verschiedenen Füllungen in Öl gebacken werden. Frisch gebackener Kuchen, handgemachte Schokolade und lecker zubereitetes Fleisch findet man hier oder auch Schmuck, Küchenutensilien und Klamotten. Ein richtiger Nachbarschaftsmarkt also. Und im Rest der Woche laden viele kleine Geschäfte zum Bummeln und Staunen ein, inklusive eines Restaurants, einer Brauerei, einer Gärtnerei und selbstverständlich auch einem Weingeschäft mit Tasting-Option.

Die Zeit hier vergeht wie im Fluge und deswegen muss man sich auch nicht wundern, wenn die Reise nun rückwärts geht. Fünf Stunden Fahrt lagen vor uns, als wir in Plett in Richtung Montagu aufbrachen. Direkt nach Kapstadt durchzufahren war uns dann doch etwas zu lang, so dass wir die Kingna Lodge in Montagu als unsere nächste Schlafstatt auswählten. Statt die Autobahn zu nehmen fuhren wir dieses Mal über die Route 62, die etwas nördlicher liegt und durch die Halbwüste Klein Karoo führt. Wir hofften, so auch dem heftigen Regen, den es seit unserem Aufbruch in Plett gab, etwas zu entfliehen. Denn was es in der Klein Karoo tatsächlich sehr selten gibt, ist Regen. Und wir hatten Glück. Hinter den Bergen wartete der schönste Sonnenschein auf uns. In der Nähe von Ladiesmith bogen wir spontan auf den Hof eines Farmstalls ein, um einen Zwischenstopp bei Kaffee und Roosterkoek einzulegen. Wie immer war auch dieser Farmstall besonders, dieser war sehr schlicht und bodenständig. Aber man bekam alles, was man für einen kurzen Aufenthalt benötigt und auch loswerden wollte. Klare Empfehlung: wer sich auf längerer Strecke ein kleines Päuschen gönnen will, sollte unbedingt nach einem Farmstall Ausschau halten. Und auf der Route 62 in Barrydale bei Diesel & Crème anhalten. Denn dort gibt es die leckersten Milkshakes überhaupt!

Nun aber zu Montagu und der Kingna Lodge. Montagu ist ein kleines süßes Städtchen direkt hinter dem Langeberg Gebirgszug, das im Wesentlichen vom Tourismus lebt. Unterkünfte, Restaurants und kleine Shopping-Läden gibt es in ausreichender Zahl. Wir hatten uns ein Zimmer in der Kingna Lodge für eine Nacht gebucht; am nächsten Tag wollten ja weiter nach Bloubergstrand. Auf der Einfahrt zum Guesthouse kam uns John winkend entgegen. Später sollten wir erfahren, dass er der Besitzer des Hauses ist. Mit einem Schlüssel von einem großen Schlüsselbund öffnete er die schwere Kette des Eisentores, so dass wir an einem Springbrunnen vorbei auf das Gehöft fahren konnten. Bevor wir überhaupt unsere Sachen aus dem Auto räumen konnten, hatten wir schon das erste Glas Wein in der Hand. „Complimentary“, meinte John und goß jedem von uns einen Chenin Blanc ein. Er selbst blieb bei Wasser, denn es ging ihm gesundheitlich nicht so besonders gut. Das hielt ihn aber nicht davon ab, uns seine halbe Lebensgeschichte zu erzählen, die zugegebenermaßen aufregend gewesen sein muss, da er für große Konzerne auf der ganzen Welt unterwegs gewesen ist. 140 Länder meinte er bereist zu haben. Seine Tochter lebt und arbeitet seit sechs Jahren in Hamburg – wie klein ist doch die Welt. Die nächsten Gäste, die ankamen, gesellten sich zu uns auf Johns Terrasse; und wir plauderten bis kurz vor dem Abendessen. Nicht zu vergessen zu erwähnen, dass einer der anderen Gäste viele Jahre für Astra Zeneca in Wedel bei Hamburg gearbeitet hat, was für ein Zufall. Zwischendurch organisierte John für uns einen Tisch in dem sehr schönen Restaurant The Grill Room im Mimosa Hotel gleich um die Ecke, obwohl die dort eigentlich komplett ausgebucht waren. Jedenfalls hatte man uns dies am Vortag gesagt, als wir selbst dort buchen wollten. Vitamin B nützt halt nur dem, der es auch hat. Glück gehabt.

John zeigte uns dann nach dem Terrassenumtrunk unser Zimmer „Shiraz“, das sich als ein ganz besonderes herausstellen sollte. „Hier hat er gewohnt“, sagte John. „Auf diesem Sessel hat er gesessen, allerdings nicht im Bett geschlafen“, fügte er schmunzelnd hinzu. Er sprach tatsächlich von Nelson Mandela, dem ersten Präsidenten Südafrikas nach der Zeit der Apartheid. Madiba, wie Mandela nach seinem Clannamen heißt und von vielen so genannt wird, war 1995 als Präsident zu Gast in der Kingna Lodge in Montagu. John, dem das Guesthouse damals noch nicht gehörte, ist aber dennoch stolz darauf, dass Mandela damals hier residierte. In unserm Zimmer. Die Gemeinde Montagu führt jedes Jahr das Muscadel Stadtfestival durch und dachte sich damals, dass niemand geringeres als Nelson Mandela das Fest eröffnen sollte. Niemand glaubte daran, dass Mandela oder sein Büro auf die schriftliche Einladung reagieren würde. Genau das Gegenteil war der Fall. Mandela sagte zu und kam mit Hubschrauber und Gefolge am 28. April 1995 nach Montagu und eröffnete das Stadtfest. Die Stadt war in heller Aufregung und tausende Menschen kamen, um Mandela zu sehen. Ausgeruht hat er sich dann in der Kingna Lodge in unserem Zimmer, das aus Sicherheitsgründen nicht an der Fassadenfront liegt. Übernachtet hat er, anders als wir, dort nicht. Aber der Spirit des einstigen Führers der südafrikanischen Regenbogennation war immer noch da, und ich habe neben seinem Stuhl geschlafen, im Bett natürlich.

Auch F.W. de Klerk, Präsident Südafrikas vor Mandela und derjenige, der gegen die Haltung seiner eigenen Partei Reformen des Staates zur Abschaffung der Apartheid und die Freilassung Mandelas organisierte, war ein halbes Jahr später auch zu Gast in der Kingna Lodge. Ein sehr herzliches Dankesschreiben an die Besitzer des Guesthouses für ihre Gastfreundschaft zeugt vom Besuch de Klerks und seiner Frau Marieke.

Die Kingna Lodge selbst hat auch eine interessante Geschichte. Sie wurde von einem der Neffen aus der Barry-Familie, George Barry, erbaut. Die Barrys gründete das benachbarte Barrydale, in dem wir jedes Jahr bei Diesel & Creme unseren Milchshake trinken. Die Kingna Lodge ist ein Haus „von der Stange“, das aus einem Katalog bestellt und um 1898 erbaut wurde. Interessanterweise steht das Haus nicht wie andere typisch kapholländische Häuser mit ihren weißen Giebeln und den meist reetgedeckten Dächern unter Denkmalschutz. John vermutet, dass es am englischen Stil des Hauses liegt und daher wenig Interesse erfährt. Anders als privat bei ihm und seiner Familie, die die Geschichte des Hauses präsent halten. Hinzu kommt noch, das John einer Sammelleidenschaft für historische Sachen vor allem aus der viktorianischen Zeit unterliegt. Die Führung durchs Haus und die Erläuterungen zu den einzelnen Devotionalien wären einige Kapitel eines ganzen Buches wert.

Am nächsten Morgen brachen wir rechtzeitig auf gen Bloubergstrand, allerdings nicht ohne vorher bei The Rambling Rose in Montagu zu frühstücken, einem sehr empfehlenswerten Café, in das man auf der Durchreise gern einen Abstecher machen kann. Zurück an die Atlantikküste nahmen wir dieses Mal den Weg über den Bain‘s Kloof Pass Richtung Wellington, um beim Weingut Doolhof ein kleines Weintasting zu absolvieren. Den Gin von Doolhof hatten wir zu Beginn des Urlaubs schon kennengelernt. Jetzt mussten die Weine beweisen, dass sie mit dem Gin mithalten können. Naja, sagen wir mal das Ambiente des Weingutes ist beeindruckend und sehr schön. Bei den (Weiß-) Weinen ist nach unserer Meinung noch Luft nach oben. Der Gin ist jedenfalls lecker.

Noch mal zurück zum Pass: immer wenn sich die Gelegenheit bietet, in Südafrika einen Pass zu fahren, sollte man diese ergreifen. In der Regel sind sie bereits vor zig Jahren erbaut und mittlerweile den normalen Straßenverhältnissen einigermaßen angepasst. Der Bain‘s Kloof Pass wurde bereits 1854 eröffnet und schlängelt sich seitdem 18 Kilometer durchs Gebirge. In Breite und Höhe beschränkt können keine Lastwagen hier fahren, die Straße ist eng und in der Geschwindigkeit zum Teil auf 40 km/h beschränkt. Vor Leoparden (!) wird gewarnt. Der Pass führt durch eine wunderschöne Berglandschaft, die man beim Fahren oder beim Halt an einer der zahlreichen Parkbuchten bewundern kann.

Mittlerweile sind wir wieder an unserem Ausgangspunkt in Bloubergstrand bei Rick und Delvin mit ihrer Golden Retriever Hündin Bailey angekommen und genießen die letzten Tage des Urlaubs bei Temperaturen zwischen 25 und 28 Grad im Schatten, blauem Himmel und Sonnenschein. Das Leben kann schon hart sein. *schmunzel*


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