Gefährliche Tiefen

Nicht jeder kann schwimmen. An meiner Schule gab es keinen Schwimmunterricht, wir hatten keine Schwimmhalle in der Nähe – damals. Und im wilden Wasser der Ostsee, dort, wo ich aufgewachsen bin, lernt man allein nicht schwimmen. Maximal kann ich mich wie ein Hund strampelnd über Wasser halten, damit man nicht sofort untergeht, wenn es mal ernst wird. In meiner Familie bin ich nicht der Einzige, dem diese Gabe fehlt. Auch meine Großmutter und mein Großonkel konnten nicht schwimmen, sind trotzdem groß und alt geworden.

Natürlich ist es ein Problem, wenn man vor allem als Kind oder Jugendlicher seine Fähigkeiten im Wasser nicht einzuschätzen weiß. Selbst Erwachsene trauen sich manchmal trotz Flaggenwarnungen am Strand mehr zu, als sie tatsächlich können. Dieses Phänomen scheint es weltweit zu geben. Auch in Südafrika sterben jedes Jahr eine Reihe von Menschen vor allem, weil sie ihr Können im Wasser überschätzen, die Gefahren des Meeres unterschätzen und dann auch noch oftmals nicht schwimmen können.

In Südafrika sind 29% der Ertrunkenen Kinder unter 14 Jahren, sagt eine Statistik des Nationalen Seerettungsinstiuts des Landes NSRI aus 2020. Zwei besondere Schicksale sind die von Heather Bam und Garetha Cillié, die schon lange Zeit zurückliegen, aber dennoch heute an die Gefahren des Meeres erinnern.

Das Schicksal von Garetha Cillié

In diesem Jahr stoppten wir für 2 Nächte in Stilbaai, um unter anderem die dort ansässige Destillerie von Inverroche Gin zu besuchen – was wir auch getan haben. Wie immer machten wir uns aber auch auf die Suche nach dem einen oder anderen Geocache. Und dabei entdeckten wir das Geheimnis um das „Denkmal im Meer“ am Weststrand von Stilbaai. Dank der tollen Beschreibung desjenigen, der uns an diesen Cache-Platz führte, wissen wir nun mehr über Garetha Cellié und ihre tragische Geschichte.

Garetha, eigentlich Margaretha Susanna, war die einzige Tochter von Margaretha „Babs“ Jackson und Petrus „Piet“ Johannes Cillié, der Lehrer in Swellendam war. Garetha und ihre Freundin schwammen bei Ebbe im Indischen Ozean an der Mündung zum Fluss Goukou. Aus bis heute ungeklärten Gründen gerieten sie in Schwierigkeiten. Garetha ertrank am 8. Januar 1955 im Alter von 9 Jahren, ihre Freundin überlebte. Margaretha Susanna Cellié wurde in Swellendam begraben.

Zur Erinnerung an dieses tragische Unglück wurde ein Denkmal gebaut, das heute noch immer an der Stelle steht, an der das Mädchen ertrank: eine Säule aus Beton mitten im Indischen Ozean. Der Brückenbauer von Stilbaai wurde gefragt, ob er aus dem gleichen Material wie die Brücke über den Fluss nun auch das Monument errichten würde. Das Denkmal wurde gegenüber dem Strandhaus gebaut, das der Familie Cillié einst gehörte und von ihnen als Feriendomizil genutzt wurde. Da die Erinnerungen an das Unglück zu traurig waren, wurde es später verkauft. Das Haus existiert heute unter dem Namen „Peace of Paradise“.
Da wir zu Flut-Zeiten diesen Ort entdeckten, konnten wir das Denkmal nicht wirklich auf einem Foto festhalten. Der rote Pfeil auf einem der Bilder zeigt den obersten Teil der Betonsäule. Das Foto von der wellenumtosten Säule stammt von der Tourismus-Website der Gemeinde Stilbaai.

Das „Kreuz“ der Heather Bam

Noch weniger bekannt ist vom Schicksal von Heather Bam. Schon oft haben wir im Restaurant „Ons Huisie“ gegessen und uns über dieses doch recht merkwürdige Kreuz am Strand von Kleinbaai, wie der Ortsteil von Bloubergstrand genannt wird, gewundert. Wie eine Mischung aus Kruzifix und Gespenst aus einem Märchenfilm mit zwei großen Augen steht es dort zwischen den Felsen am Strand.

Beim genaueren Hinschauen entpuppt sich dieses Bauwerk als echter Lebensretter. Denn es enthält einen Rettungsring, den man bei Gefahr entnehmen und jemanden vor dem Ertrinken retten kann. Auf dem runden Holzkörper steht der Hinweis, dass man die Glasaugen einschlagen und einen Hebel betätigen soll, damit sich die Klappe öffnet und der Rettungsring zugänglich wird. Eine Sirene soll auch im Inneren zu finden sein, damit man weitere Menschen als Retter rufen kann. Soweit so gut. Aber warum sieht diese Halterung so ganz anders aus also die normalen Rettungsstationen, die an den Stränden sonst verteilt zu sehen sind?

Die Lösung ist ganz einfach. Das „Kreuz“ mit dem Rettungsring steht schon seit vielen Jahrzehnten hier und gehört zum lokalen Kulturerbe. Denn es erinnert an ein Unglück im Jahre 1911. Die damals 20 jährige Heather Bam ertrank am 15. Dezember 1911 an dieser Stelle. Die Station mit dem Rettungsring soll Warnung und zugleich Mahnung sein, die Gefahren des Meeres zu kennen und seine eigenen Fähigkeiten beim Baden gut einzuschätzen. Über Heather Bam ist wenig bekannt, außer dass sie in einem Haus an diesem Strandabschnitt gewohnt hat. Später zog dort eine für ihre Kinderbücher bekannte südafrikanische Schriftstellerin und Grafikerin ein. Mittlerweile existiert das Haus nicht mehr, an seiner Stelle wurde ein Apartmenthaus gebaut.


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