
Nach vier Jahren Abstinenz schauten wir uns mal wieder im Zeitz MOCAA um, dem Museum für zeitgenössische Kunst Afrikas (Museum of Contemporary Art Africa). In diesem Jahr gibt es viele thematisch eigene Ausstellungen, die jede ihre eigenen Schwerpunkt hat. Da ich ja bereits viel über das Haus selbst, also das alte Getreidesilo geschrieben habe, will ich euch heute “nur” in die Ausstellungen mitnehmen und ein paar Impressionen zeigen. Über den ersten Besuch in 2019 und den zweiten Abstecher in 2022 könnt ihr im Blog nachlesen. Ihr erfahrt auch etwas über das Gebäude hier unter Zeitz MOCAA & The Silo. Ohne ein paar aktuelle Bilder vom und aus dem 2017 eröffneten MOCAA lasse ich euch natürlich nicht davonkommen, bevor es dann zu den Ausstellungen aus diesem Jahr geht.








1 – A Protea Is Not a Flower
In dieser Ausstellung bringen zwei junge, zeitgenössische Kunstschaffende ihre heutige Sicht der Dinge mit denen früherer Künstler zusammen. Vor allem die Werke von Gérard Sekoto, Bessie Head und Don Mattera stehen dabei im Mittelpunkt ihres Dialogs mit den Kollegen aus früheren Tagen. Der Fokus liegt dabei auf dem Thema Exil, sowohl das Exil weit weg vom eigenen Heimatland als auch die innere Isolation. Die Beziehung südafrikanischer Künstler zu Europa als auch die Erfahrungen von Kolonialismus, Apartheid, Migration und Heimat werden miteinander in Verbindung gebracht. Die Protea als Nationalblume Südafrikas mit ihrer Widerstandsfähigkeit und der komplexen Verwurzelung dient dabei in jeder Beziehung als Metapher zu den einzelnen Werken und Installationen. Ein paar Eindrücke aus dieser Ausstellung seht ihr hier:








2 – Afflict the Comfortable, Comfort the Afflicted
Diese Ausstellung die in etwa mit “Mach es den Bequemen unbequem, tröste die Leidenden” übersetzt werden kann, stammt von Cauleen Smith. Sie lebt in Los Angeles und stellt zum ersten Mal auf dem afrikanischen Kontinent hier im MOCCA aus. Sie arbeitet mit unterschiedlichen Materialien und Installationen und erzählt damit Geschichten über das Leben schwarzer Gemeinschaften. Feminismus, Spiritualität, Musik und eine gerechtere Welt spiegeln sich in ihren Werken wider. Die Ausstellung soll zum Nachdenken über das gemeinschaftliche Leben anregen, auch sich gegenseitig zuzuhören, miteinander in den Dialog zu kommen und am Ende miteinander zu träumen, was möglich ist. Seht ein paar ihrer Werke auf den nächsten Bildern:






3 – We Proceed in the Footsteps of the Sunlight
Diese Ausstellung ist aus mindestens dreierlei Gründen für mich interessant. Einerseits natürlich wegen der eindrücklichen Kunstwerke. Andererseits aber, weil die Künstlerin Zohra Opoku ghanaische Wurzeln hat, aber in der ehemaligen DDR 1976 geboren und in Altdöbern in der Lausitz/ Ober-Spreewald aufgewachsen ist. Und drittens kommt hinzu, dass die Ausstellung von Beata America kuratiert wurde. Sie ist die Frau der uns gut bekannten Weinmacherin Megan van der Merwe vom Weingut Beau Constantia.
Die Kunstwerke von Opoku verbinden Mode, Textil, Fotografie, Druck und die Installation selbst und dies jeweils aus dem Blickwinkel ihrer Herkunft und ihrer Identität. Total spannend. In all ihren Arbeiten gibt es einen roten Faden, der drei Motive immer wieder präsent werden lässt, nämlich Wasser, Atem und Boden. Ihre persönlichen Erfahrungen verknüpft Opoku mit gesellschaftlichen Fragen. Der Titel der Ausstellung stammt übrigens aus dem altägyptischen Totenbuch: Wir gehen weiter in den Fußstapfen des Sonnenlichts. Na dann …








4 – Selections from the Collection
In dieser Ausstellung werden Teile der Zeitz MOCAA eigenen Kunstsammlung präsentiert. Sie wurde 2015 gegründet und zeigt ausschließlich zeitgenössische Kunst aus Afrika und seiner weltweit lebenden Künstlerinnen und Künstlern, die afrikanische Wurzeln haben. Die Sammlung umfasst über 500 Werke: Gemälde, Zeichnungen, Fotografien, Skulpturen, Videos und Installationen. Viele stammen aus Ländern wie Südafrika, Nigeria, Kenia und dem Sudan. Ein großer Teil wurde vom Mitbegründer des Museums, Jochen Zeitz, gespendet. Weitere Werke kamen als Geschenke von Künstlern und Sammlern hinzu. Thematisch beschäftigt sich die Sammlung mit aktuellen gesellschaftlichen Fragen – etwa Migration, Identität, Erinnerung, Menschenrechten und dem Streben nach Sichtbarkeit.
Einen besonderen Blick wert sind die Kunstwerke von Brett Charles Seiler, gleich die ersten beiden Bilder in der folgenden Serie zeigen sie. Robert Mugabe, ehemaliger Präsident von Simbabwe behauptete 2015 vor UN, dass „wir keine Schwulen sind!“ Im Jahr zuvor hat der Simbabwe-Künstler Brett Seiler zwei subversiv, queere Flaggen der Nation erstellt. Er verschmolz die regenbogengestreifte LGBTQ+-Pride-Flagge mit dem ikonischen goldenen Vogel, dem roten Stern und dem weißen Dreieck der Simbabwe-Flagge. Dann bleichte er alle Farben und schuf ein Paar unheimlich monochromatischer Objekte, die in einem X montiert sind. Dies drückte seine Trauer um den Verlust der Rechte für queere Menschen unter einem gewalttätig homophoben politischen Regime aus. Simbabwe ist dabei nicht das einzige Land in Afrika, das derartig diskriminiert, was Seilers in einer Textarbeit deutlich macht. Die handschriftlichen Zeilen erinnern an eine Schulstrafe und seine eigenen jugendlichen, diskriminierenden Erfahrungen. Er schrieb alle Länder Afrikas und die Gesetz jeder Nation viermal auf, die Homosexualität kriminalisieren. Seht selbst …








5 – Spring is Rebellious – Die Kunst und das Leben von Albie Sachs
Albie Sachs ist ein südafrikanischer Jurist und Freiheitskämpfer, der in Südafrika und Mosambik gelebt hat. Die Ausstellung zeigt, wie Sachs’ Leben, Kunst und sein politisches Engagement miteinander verknüpft sind. Eine Zeitleiste führt durch Sachs’ Biografie und verknüpft sie mit den politischen Umbrüchen nach 1975 in Mosambik und nach 1994 in Südafrika. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Kunst in Zeiten von Unterdrückung zum Überleben beitragen kann und lädt zugleich ein, über das „Projekt Freiheit“ in Afrika heute nachzudenken und darüber, wie Kunst noch immer politische Debatten, Verfassungen und gesellschaftliche Werte prägt. Die Werke stammen aus der privaten Sammlung von Sachs, den Mayibuye Archiven und der Kunstsammlung des südafrikanischen Verfassungsgerichts.








6 – SALA – Eine Einladung zum Bleiben und Nachdenken
Diese Ausstellung wurde von einem Kurator gemeinsam mit den Museum Fellows 2023 der University of the Western Cape (UWC) entwickelt – fünf jungen Kreativen aus Südafrika, Eswatini, Malawi, Namibia und Mosambik. Der Titel Sala stammt aus mehreren Nguni-Sprachen des südlichen Afrikas und bedeutet sinngemäß „bleib gut“. Die Ausstellung versteht sich als Einladung zum Verweilen – sowohl körperlich als auch gedanklich. Im Mittelpunkt steht die Frage, was ein Museum heute sein kann und für wen es eigentlich da ist. Die Ausstellung vereint Werke von 17 Künstlerinnen und Künstlern aus der ständigen Sammlung des Zeitz MOCAA und regt dazu an, über Herkunft, Bedeutung und Zukunft des Museums nachzudenken.





Alles in allem war der Besuch im MOCAA einmal mehr ein Erlebnis. Und wo bekommt man afrikanische Kunst authentischer präsentiert als auf dem Kontinent selbst. Wer also jemals die Gelegenheit hat, in Kapstadt zu sein und zwei bis drei Stunden Zeit für den zügigen Museums-Durchlauf mitbringt, sollte nicht verpassen, hier einzukehren. Aktueller Eintrittspreis: 265 ZAR = rund 14 Euro. Und für den Appetit davor oder danach gibt es das kleine Bistro Ocular im 6. Stock oder für den großen Hunger ein sehr gutes Restaurant im Hotel The Silo im Nachbareingang. Die Rooftop-Bar ist auch empfehlenswert. Da hatten wir 2022 bereits das Vergnügen, die Stadt von oben zu sehen.