
In jedem Jahr reisen wir rund 2.500 km an der Küste Südafrikas entlang. Den Mietwagen bestellen wir über ein Vergleichsportal von zu Hause aus, und holen ihn dann am Flughafen in Kapstadt ab. Die Autos sind alles Benziner und fahren noch mit richtigem Sprit. Und den bekommt man an den zahlreichen Tankstellen, die in den Städten und kleinen Orten als auch entlang der gut ausgebauten Autobahnen verteilt sind. Braucht der Wagen Stoff, gibts es genügend Möglichkeiten, an selbigen zu kommen.
Und Tanken macht hier richtig Freude. Auch, wegen des Benzinpreises, der für unsere Verhältnisse mit derzeit 1,06 Euro günstig ist. Für Südafrikaner ist er es allerdings nicht. Der Spaß beim Tanken beginnt bereits beim Auffahren auf die Tanke. Mehrere, meist junge Männer winken dir hektisch zu, damit du an ihrer Tanksäule gastierst. Dieses Verb benutze ich ausdrücklich, da man sich ab sofort als Gast und nicht nur als Kunde fühlt.
Noch bevor man den Motor ausstellt, lässt man die Scheibe der Fahrertür runter. Man wird vom Tankwart herzlich begrüßt, gefragt, wie es einem so gehe und was man denn so wünsche. Mit einem freundlichen “Alles gut, wie gehts es selbst so?” antwortet man, dass man doch gern tanken möchte. Klingt recht simpel, denn was soll man sonst noch wollen. Die Frage ist aber berechtigt, dazu gleich mehr. Der Tankwart bittet darum, die Tankklappe zu öffnen, was man – immer noch im Auto sitzend – natürlich macht. Dann folgt noch die Frage, ob “bis zum ersten Klick – first click”, wenn also die Zapfpistole das erste Mal automatisch abschaltet oder “voll – full” getankt werden soll. Für Letzteres muss man ein bisschen mehr Zeit einplanen, denn full meint tatsächlich randvoll. Der Tank wird bis auf den letzten verfügbaren Platz per Hand gefüllt – vom Tankwart ganz persönlich.



Steckt der Tankrüssel im Tank, kommt der zweite Teil des Spektakels. Die Scheibe ist immer noch unten, man sitzt abwartend im Auto und plötzlich kommt der Tankwart von hinten um die Ecke und fragt, ob es noch etwas sein darf. Vielleicht die Scheiben reinigen, den Ölstand nachschauen oder das Wasser der Scheibenwischanlage nachfüllen. Oder ist irgendetwas mit dem Luftdruck der Reifen nicht in Ordnung? Wenn man möchte, bekommt man hier also den Rundum-Service. In der Regel lassen wir die Scheiben putzen, die nach einigen hundert Kilometern schnell mal verdrecken. Achtung: Jetzt am besten die Seitenscheibe hochfahren, weil es ansonsten nass wird. Denn nicht nur die Frontscheibe, sondern alle Scheiben rund um das Auto werden gereinigt. Erst mit der Schwammseite des Scheibenabziehers, dann wird mit der Gießkanne Wasser über die Fenster geschüttet, um dann anschließend mit der zu hundert Prozent funktionierenden Gummiseite des Abziehers Klarheit zu schaffen – streifenfrei, wie in der Werbung. Dann wird mit Küchenpapier nachgetrocknet und am Ende hat man wieder den besten Durchblick.
Bezahlt wird an der Tanke am ehesten mit Kreditkarte. Wegen der gerade frisch gereinigten und inzwischen trockenen Scheiben fahre ich sie nicht wieder runter sondern öffne die Fahrertür – ja, man sitzt immer noch im Auto (!) – um am mobilen Terminal zu bezahlen, den mir der Tankwart erwartungsvoll entgegenhält. Rechnung wird automatisch ausgedruckt, fertig. Nicht ganz, denn für den aufmerksamen und freundlichen Service bekommt der Tankwart natürlich ein Trinkgeld; für einfach nur Tanken 5 Rand, fürs Scheibenreinigen noch einmal 5 Rand. Und wenn’s besonders gut war, gibt es noch einen kleinen Obolus obendrauf. 10 Rand entsprechen aktuell 50 Cent. Eigentlich möchte man selbst noch gern mehr Trinkgeld geben. Das wird aber ausdrücklich von den ortsansässigen Südafrikanern nicht empfohlen, da die Erwartungshaltung an sie entsprechend wachsen würden, auch mehr zu geben. Und das können sich viele nicht leisten.
Fertig! Tür zu, Motor an, mit einem kurzen Gruß losfahren. Das wars. Tanken macht hier richtig Spaß.



Und weil wir wissen, dass einem hier immer geholfen wird, fuhren wir in Plettenberg an die Engen Tankstelle. Denn wir hatten tatsächlich ein ernst zu nehmendes Problem. Gegenüber der Tanke auf dem Parkplatz vom Einkaufszentrum stellten wir beim Zurückkommen vom Shopping fest, dass der hintere Reifen auf der Beifahrerseite ziemlich platt war. Das wollten wir checken lassen. Tatsächlich bestätigte sich an der Tanke, dass der Reifen Luft verlor. Unser Tankwart, der nebenbei schon mal das Auto betankte, versuchte, Luft in den Reifen zu bekommen, war damit aber nicht so richtig erfolgreich. Der Wassertest zeigte, dass es ein Loch gab, vermutlich ein eingefahrener Nagel. Er fragte, ob er das reparieren solle. Ich dachte dabei a den Ersatzreifen, den er wechseln könnte und fragte ihn zurück, wo ich denn nach dem Tanken das Auto hinbringen soll. Er schaute mich verdutzt an und meinte, ich solle an der Säule stehen bleiben, wir machen das direkt hier. Glücklicherweise stand hinter uns niemand auf Warteposition.
Im Handumdrehen hatte der junge Mann den Ersatzreifen aus dem Kofferraum geholt, den Wagenheber angesetzt, das Auto aufgebockt und schraubte das alte Rad ab, das neue Rad an. Mittlerweile war ein Kollege dazu gekommen, der die Aktion beobachtet hatte und ihm zu Hilfe kam. Der neue Reifen war montiert, der Wagen noch aufgebockt, als mich der Tankwart fragte, ob er den kaputten Reifen nicht besser reparieren solle. Es hatte sich herausgestellt, dass tatsächlich ein eingefahrener Nagel die Ursache des Problems war. Etwas verunsichert fragte ich, was er denn mit Reparatur meine, denn das Loch zu flicken schien für mich keine dauerhafte Lösung zu sein. Er überzeugte uns dann aber davon, dass es erstens schnell gehen würde, zweitens dauerhaft halten würde und drittens auch nicht so viel kosten würde. 100 Rand wären fällig, also 5 Euro – das ist mal ne Ansage.




Er wetzte los, während sein Kollege in der Zwischenzeit versuchte, den Nagel aus dem Reifen zu holen. Ohne Werkzeug war da nix zu machen. Bei seiner Rückkehr hatte Kollege Nr. 1 eine Art Schraubendreher mit Bohrer am Ende und eine Zange dabei. Ruckzuck hatte er mit der Zange den Nagel aus dem Reifen rausgezogen; und die Luft ging damit auch komplett flöten. Weit wäre die Fahrt mit diesem Reifen also nicht mehr gegangen. Dann bohrt er das Loch im Reifen etwas auf und nahm einen ungefähr 10 Zentimeter langen, roten Gummistreifen zur Hand. Diesen faltete er in der Mitte und steckte mit der Falz voran dieses Stück Gummi mit dem Bohrerwerkzeug tief in das Loch. Beim Herausziehen des Bohrers blieb das Gummi im Reifen stecken, entspannte sich und verschloss das Loch. Aufpumpen, fertig.
Auf meine Frage, wie weit wir denn mit so einem geflickten Reifen kommen würden, schaute mich der Tankwart fragend an: ”Wieso, wo wollt ihr denn hin?” Noch mindestens 600 Kilometer bis nach Kapstadt, war unsere Antwort. Er lachte und meinte, das wir auf jeden Fall bis dorthin kämen und auch noch mal nach Plettenberg zurück, um bei ihm zu tanken.
Damit war klar, dass der Ersatzreifen wieder in den Kofferraum konnte, denn wir würden lieber mit dem Originalrad fahren. Kaum ausgesprochen hat der Kollege Nr. 2 den noch montierten Ersatzreifen vom immer noch aufgebockten Auto runtergenommen und das reparierte Rad wieder aufgezogen. Sorgfältig verstauten beide das Ersatzrad und das Werkzeug wieder in unser Auto. Das wars. Die ganze Aktion hat kaum mehr als 10 Minuten gedauert, wir hatten einen fast neuen Reifen und die Jungs ein ordentliches Trinkgeld in der Tasche. Trotz der Umstände war das wieder einmal ein spannendes Erlebnis, das man zwar nicht jeden Tag braucht, aber auf die Hilfsbereitschaft und den Kundenservice an den Tankstellen in Südafrika ist in jedem Fall Verlass!
