Von Betonfässern und alten Bekannten

Wer denkt bei einem guten Glas Wein nicht auch an diese tollen Weinkeller mit ihren kleinen und großen Holzfässern, alt und neu nebeneinander, schön in Reihe und auch schon mal gestapelt. Auch wenn man weniger nostalgisch über die Weinherstellung schaut und sich die kühlen Stahltanks vor Augen führt, weiß man doch, dass da ein Wein heranwächst, bestimmt ein Weißer, vielleicht ein knackiger Sauvignon Blanc. Einige kennen Fässer aus Beton, die aussehen wie große Eier. Nicht schön, aber wohl effektiv. Denn anders als bei Stahltanks kann der Wein ähnlich wie im Holzfass mit der Außenluft reagieren und so den notwendigen Oxidationsprozess für die Weinreifung befördern. Das sind so die gängigsten Methoden des Weinausbau, wie man sie typischerweise so kennt.

Aber früher war alles anders. Jedenfalls auf dem Weingut Klein Roosboom im Durbanville Valley. Schon oft sind wir hier vorbeigefahren, da das Weingut direkt auf der Strecke zu einem unserer Lieblingsweingüter, nämlich Diemersdal liegt. Dieses Mal sind wir zielgerichtet zu Klein Roosboom abgebogen, um eine Weinprobe zu machen. Gott sei Dank war es etwas windiger als sonst. Denn daher entschieden wir uns, die Session drinnen zu machen. Man gut!

Wir wurden freundlich in Empfang genommen und durch einen breiten Gang geführt. In den Wänden waren Löcher eingehauen, in die man in das Innere von kleinen Zimmern blicken konnte. Draußen waren für jedes Zimmer Beschreibungen angebracht, darunter Uhrzeiten, zu denen die Zimmerchen gebucht oder frei waren. Manche Zeiten waren bereits vergeben. Unsere Begleiterin wies uns eines der Zimmer zu und bat uns im Raum „Rouge“ Platz zu nehmen. Wir gingen mit eingezogenem Kopf und immer noch leicht irritiert aber gespannt durch die in Stein gehauene Öffnung unserer Höhle. So jedenfalls nennt man diese kleinen Verkostungsräume hier „cave“, auf gut deutsch: Höhle.

Unsere Höhle „Rouge“ war selbstverständlich in rot gehalten. Ein kleines Sofa von anno dunnemals, zwei Hocker, ein paar Kissen und einiges an Deko. Eigentlich ganz gemütlich. Und vor allem: rot gefärbte Wände. Bei genauerem Hinsehen funkelten die Wände dieses quadratischen Raumes sogar bis unter die Decke. Tatsächlich war der Raum so groß, das man mit zwei Schritten von einer Seite auf die andere gelangte. Und nach oben hin das Doppelte – ohne Schritte natürlich. Die Decke hatte ein kleines Loch an einer der Raumecken. Zur Belüftung? Oder um das Kabel für die Deckenlampe durchzuführen?

Die Aufklärung kam dann schnell mit unserer ersten Weinauswahl und der Geschichte, die unsere Sommelière zu berichten hatte. Wir befanden uns nämlich in einem von zahlreichen Beton-Wein“Fässern“, die Anfang der 1950er Jahre hier auf dem Weingut gebaut wurden und viele Jahre in Betrieb waren. In unserem Beton-Fass wurde offensichtlich Rotwein vergoren, denn die Farbe an den Wänden ist maximal natürlich und besteht aus Weinablagerungen, die zum Teil auskristallisiert sind. Nach langer Betriebszeit wurde die Produktion in Beton eingestellt, die Fässer warteten auf ihren Abriss oder eine neue Verwendung. Letztere fand man in den 2000ern, in dem die Chefin des Hauses auf die glorreiche Idee kam, das Loch für die Zapfstelle und die Fass-Revision so ungefähr auf Menschenhöhe und -breite zu vergrößern. Die bis dahin nicht mehr genutzte Fläche wurde zur Eventlocation.

Neben unserem „Rouge“ gibt es zahlreiche weitere Höhlen, in denen man die Weine von Klein Roosboom probieren kann. Jede ist individuell nach ihrem Namen wie „Versailles“ oder „The Kitchen“ eingerichtet und kann zu zweit oder mit mehreren Personen Lbespielt werden. Eine tolle Idee, wie man Altes zu Neuem erwecken und den früheren Zweck mit dem eigentlichen und immer noch aktuellen Zweck verbinden kann.

Die von uns getesteten Weine – 5 an der Zahl – schmeckten uns durchweg gut. Zwei davon ganz besonders, die wir dann auch für unsere lange Reise in Richtung Port Elizabeth mitgenommen haben. Einen Rosé, der nicht zu probieren war, haben wir einfach blind gekauft, da wir gern mal einen Rosé trinken. Und was will man da groß falsch machen. Denn der Grund, warum der Wein im Tasting nicht angeboten wird, ist ganz schlicht. Es gibt nicht mehr genügend davon. Hätten wir gewusst, wie lecker der ist, hätten wir glatt zwei Flaschen mitgenommen.

Nach einem kleinen Rundgang über das Weingut, auf dem man offensichtlich auch gut speisen kann – ein gut besuchtes Restaurant spricht für sich – zogen wir weiter durchs Durbanville Valley in Richtung Diemersdal. Zum Diemersdal Wine Estate muss an dieser Stelle gar nicht mehr so viel gesagt werden, da es in jedem Jahr auf unserem Wein-Reiseplan steht und schon einige Berichte und Beiträge (2019, 2020) hier im Blog oder auf der Website darüber zu finden sind.

Und natürlich kehren wir in jedem Jahr wieder hierher zurück, weil nicht nur die Weine und das Essen in der Farm Eatery sehr lecker sind. Die Leute vom Hof sind nett und gastfreundlich und es gibt immer auch ein fröhliches Wiedersehen mit altbekannten Gesichtern. Man erkennt sich über die Jahre hinweg halt wieder und verfällt ins Plaudern über das vergangene Jahr. Und dieses Jahr, wen wundert es, über das Corona-Drama hier und dort. Ein bisschen wie nach Hause kommen.

Der Eigentümer und Weinmacher Thys Louw hat wie schon häufig – Stichwort ist hier der Sauvignon Blanc Winterferment – auch in den letzten drei Jahren intensiv an etwas Neuem und außergewöhnlichem gearbeitet, nämlich an einer Kooperation zwischen seinem für Sauvignon Blanc bekannten und ausgezeichneten Weingut und einem Weingut in Neuseeland. Von dort -Neuseeland- kommt immerhin fast ein Fünftel der Weltmarktproduktion an Sauvignon Blanc. Also mussten die südafrikanische und die neuseeländische Welt bei Diemersdal zusammengeführt werden. Was mit einem Blend aus der Sauvignon Blanc-Produktion von Diemersdal und einem Most eines Gutes aus der neuseeländischen Weinregion Marlborough geglückt ist. Eine einmalige Kooperation, die einen mehr als vorzeigbaren Weißwein hervorgebracht hat.

Diemersdal-Weine gehören immer als Reiseproviant ins Gepäck, so auch dieses Mal. Vor dem Tasting „mussten“ wir uns allerdings noch stärken, um genügend Grundlage für die Weinprobe zu haben. Die Farm Eatery auf dem Weingut ist sehr empfehlenswert. Auf der kleinen Karte findet man vor allem Tapas, die auch als Menü vom Küchenchef zusammengestellt wurden. Sehr lecker.


5 Gedanken zu “Von Betonfässern und alten Bekannten

  1. Wenn ich deine Berichte lese, bekomme ich Sehnsucht nach Südafrika. Ich kann den Wein förmlich schmecken und bei den Bildern läuft einem das Wasser im Munde zusammen .
    Lg Claudia

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  2. Wine tasting in besonderer Atmosphäre
    Ein Upcycling der besonderen Art. In einem alten Betonweinfass zu sitzen, mit einem Augen durch die geschlagene Türöffnung nach draussen blickend, fűhlt man sich dort wohl oder ergibt sich eher ein bedrückendes Gefühl? Mir persönlich wäre es zu spannungsgeladen und ich würde mich eingeengt fühlen. Nachhaltigkeit halt mal anders umgesetzt.

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    1. Danke für Deinen Kommentar. Die Öffnungen zu den Räume sind ausreichend groß, ein Gefühl von Beklemmung kam bei uns nicht auf. Man kann auch in die gegenüberliegenden Räume schauen, so dass auch Kontakt zu anderen Gruppen ohne Probleme möglich ist. Als Alternative bleibt die Weinprobe im Außenbereich, um die tollen Wein zu probieren!

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      1. Toller Bericht, vor allem von den gemütlichen und liebevoll eingerichteten kleinen Räumen in den Betonfässern (1950 sehr guter Jahrgang, Du weißt warum 🤩).
        Platzangst hätte ich da nicht, zumal es ja offen ist. Mit Tür und dann noch verschlossen, wäre es ja was anderes, ähnlich wie im Fahrstuhl 😱.
        Dann war es ja gut, dass ihr dort mal angehalten habt, das ist ja auch was besonderes 👍🏼.

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      2. Danke 🤩 war sehr spannend und auch lekker 😅 sind grad aus der Stadt zurück mit neuen Eindrücken und Potenzial für einen der nächsten Blogeinträge

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