Ein Nashorn zum Verlieben

Auf dem Weg von Plettenberg zu unserer vorerst letzten Urlaubsdestination Port Elizabeth durchqueren wir den Tsitsikamma National Park ganz schnöde auf der Autobahn N2. Von mehreren Ausflügen in den Park hinein wissen wir, wie zauberhaft schön es hier ist. Die Fahrt über die R102 zum Natural Valley oder die Wanderung zur Hängebrücke bleiben tief in der Erinnerung haften. Doch eine Wiederholung muss erst einmal warten, denn unser Ziel ist heute – einmal mehr – die Bungee-Sprungbrücke unter der N2.

Bei all unseren Besuchen in Südafrika halten wir hier immer an, um zum einen den wahnsinnigen Brücken-Springern zuzuschauen – wohlgemerkt zuzuschauen – und andererseits auf dem craft market noch ein paar typische Mitbringsel für uns selbst oder die lieben Daheim einzusacken. So auch dieses Mal. Denn uns fehlt zu Hause zwischen Giraffe, Nashorn und Co. definitiv noch ein Elefant. Und die Chancen, hier ein Exemplar aus Holz, Stein oder sonstigem Material zu erstehen, sind groß. Denn neben der Sprunganlage etablierten sich hier seit vielen Jahren Straßenkünstler, die ihre Kunstwerke und handgemachten Schätze den eigentlich zahlreichen Besuchern der Sprunganlage zum Kauf inklusive Verhandlung über den Preis anbieten. Aus der Ferne schon erkannten wir Lawrence wieder, der seit langer Zeit hier seine Waren anbietet. Bei ihm haben wir bereits beim ersten Besuch an einem kalten, regnerischen Oktobertag eine sitzende Figur aus Stein gekauft, die seitdem bei uns im Wohnzimmer steht. Und einen Elefanten ebenfalls aus dunklem, polierten Stein, der seine neue Heimat in meinem Büro gefunden hat. Hier auf dem Markt sollte nun ein Elefant für die Wohnung gefunden werden. Lawrence erkannte uns – tatsächlich – wieder, wusste noch, dass wir aus Hamburg kommen und noch eine Einladung von uns dorthin aussteht. Facebook und Co. verbindet halt doch. Wir signalisierten ihm und seinen Kollegen auf dem Weg zur Bungee-Anlage, dass wir auf dem Rückweg zum Auto bei ihnen vorbeischauen würden. Erstens müssen wir ja ohnehin zum Wagen zurück und zweitens brauchen wir den Elefanten!

In Zeiten von Corona sieht die Geschäftslage hier allerdings ziemlich düster aus. Die Face-Adrenaline-Bungee-Brücken-Springer*innen haben sich in den letzten zwei Jahren rar gemacht, die immer mal wieder das eine oder andere Erinnerungsstück bei den Händlern gekauft hatten. Alles beginnt langsam wieder zu funktionieren, aber die Anzahl an Besuchern hat sich noch nicht den Vor-Corona-Zeiten angenähert. Obwohl hier ordentlich investiert wurde. Das ehemalige, sehr bodenständige und dem Ort angemessene Cafe ist nun ein Restaurant auf professionellem Niveau. Allerdings ohne Gäste. Denn die werden wohl auch in Zukunft eher zum Bungeespringen kommen, sich vorher noch nen Kaffee und ein Wasser – und vielleicht auch noch einen Gin zum Mut antrinken – gönnen. Aber für einen Restaurantbesuch bleibt möglicherweise wenig Zeit. Aber denken wir mal positiv und hoffen, mit allen Daumen gedrückt, dass das Geschäftsmodell aufgeht. Aktuell jedenfalls findet eine Galerie hier ihr zu Hause, die bei unserem Besuch jedoch nicht geöffnet hatte.

Die Bungeebrücke steht im weltweiten Vergleich an der Spitze der höchsten Brücke, von denen man sich mit einem Seil an den Füßen herabstürzen kann. Ganze 216 m könnte es in die Tiefe gehen, wenn einen das Sprungseil nicht vorher stoppen würde. Und vor allem, wenn man sich denn traut. Nicht nur die Bungee-Aktivität bricht Rekorde, sondern auch das Bauwerk selbst. Die Bloukrans River Bridge, so ihr vollständiger Name, ist Südafrikas höchste Brücke, misst 451 Metern Länge und hat eine Bogen-Spannweite von 272 Metern. Das kann sich sehen lassen, zumal die Lage einiges zur Attraktivität der Bogenbrücke beiträgt. Im Süden der Indische Ozean, den man durch die Schlucht erkennen kann, das tief gefurchte Tal unter der Brücke und der weite Blick, den man gen Norden hat. Aus der Ferne,vom sicheren Hafen des Bungee-Stützpunktes aus betrachtet, macht es richtig Spaß, den Wagemutigen unter der Asphaltdecke auf dem Scheitelpunkt des Brückenbogens beim Sturz in die Tiefe zuzuschauen. Mich würden da keine zehn Pferde und kein Geld der Welt an den Absprungpunkt hinbekommen. Nie und nimmer. Und auch nicht auf den „Spaziergang“ dorthin, denn den kann man auch buchen, ohne selbst springen zu müssen. Schon der Gedanke an den freien Blick nach unten auf dem Gitterstahl-Pfad unter der Brücke zu deren Mittelpunkt lässt mich in Schweiß ausbrechen. Den Mutigen gehört die Welt, sagt man. Na dann, Freunde, macht das mal ohne mich. Ich bleib bei einem Kaffee oder nem Schluck Wasser am Aussichtspunkt und schaue euch lieber beim Springen zu. Macht auch Spaß!

Zurück vom Bungee-Gucken zum Auto lösten wir die versprochenen Besuche bei den Straßenkünstlern ein. Nun muss man sich vorstellen, dass auf jedem südafrikanischen Markt ähnliche Produkte wie die hiesigen angeboten werden und sich die Figuren, Tiere, Masken, Löffel und Schüsseln sich irgendwie alle ähneln. Dennoch hat jede Figur ihre speziellen Eigenheiten, so dass man Individuelles zum Beispiel an der Ausdrucksform der Gesichter der Tiere sehen kann. Und an jedem Stand gibt es mindestens eine Sache, die man vorher noch nicht gesehen hat. Und wenn es die Händler selbst sind!

Es ist immer wieder bezaubernd, wie sie ihre Waren anbieten und welche Geschichte jeder Einzelne zu erzählen hat. Lawrence, John, Edwin und Jerry, mit ihnen haben wir an diesem Tag super viel Spaß gehabt und von ihnen viel gelernt. Über die verschiedenen Steinarten, aus denen ihre Figuren gemacht sind. Über das unterschiedliche Holz, dass für die Tiere verwendet wird. Über traditionelle Masken, die so typisch für Afrika sind und denen man bestimmte Kräfte nachsagt. Und über die gemeinsame Arbeit auf dem Gelände, wo jeder für den anderen als Partner einsteht, und dennoch versucht, das Werben um die Kunden für sich zu entscheiden.

Unsere Händler v.r.n.l.: Edwin, Lawrence, Jerry, John und Farai

Am Ende haben wir über zwei Stunden mit den Jungs gesprochen, Figuren angeschaut, verhandelt, gekauft. Da wir kaum Bargeld in der Tasche haben, mussten die Deals per Kreditkarte und Lesegerät finalisiert werden. Was kein Problem war, denn Jerry und auch Edwin hatten ihre „Maschinen“ mit dabei. Und an der richtigen Stelle neben dem Auto an der Wand eines Gebäudes funktionierte auch das WLAN, so dass der Kontakt des Kartenlesers über das Smartphone zum Bankkonto am Ende auch noch klappte. Ein nahezu perfektes Verkaufserlebnis. Wenn denn nicht diese eine, nahezu dramatische Entscheidung getroffen werden musste.

Und die wog ungefähr 7 Kilogramm, war aus einem ganz besonderen Holz gearbeitet und hatte die Gestalt eines Nashorns. Am Stand von Edwin hatte ich das Tier in den Armen, es war wundervoll gearbeitet und hatte eine Holzfärbung, die man sonst nicht sieht. Schwarzes und hellbraunes Holz, naturbelassen, nicht gefärbt. Ebony wood, Ebenholz. Ich hatte mich sofort darin verliebt, denn wir haben eine ganz besondere Beziehung zu Nashörnern. Aber das ist eine andere Geschichte. Und der Preis war verhandelbar, nicht grad ein Schnäppchen, aber durchaus interessant. Leider musste ich mich gegen dieses wunderschöne Tier entscheiden, denn neben dem Gewicht war auch die Größe ein Kriterium, es in Afrika zu lassen. Weder der Platz im Koffer – dafür hatte Edwin eine Lösung, DHL! – noch der fehlende Platz zu Hause sprachen gegen den Bauch und eher für die Vernunft. Aber wer weiß, vielleicht findet „Rhino“ ja doch noch den Weg nach Hamburg.


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