Der Bulle vom Addo

Nach fast 10 Jahren stand ein Besuch des Addo Elephant National Parks, eine knappe Stunde von Port Elizabeth entfernt, auf unserer bucket list. Seit 2013, als wir den Park mit unserer damals hier in der Stadt lebenden Nichte mit dem Auto durchquerten, wollten wir schauen, ob die Baby-Elefanten von damals mittlerweile groß geworden sind. Natürlich ein aussichtsloses Unterfangen, denn die Tiere leben im Addo in quasi freier Wildbahn und keiner von uns würde jemals eines der Tiere wiedererkennen. Die aber vielleicht uns?!

Der Addo Elephant National Park ist einer der „kleineren“ Parks und in dieser Beziehung mit dem Krüger National Park nicht zu vergleichen. Der Charme des Addo liegt tatsächlich darin, viele Elefanten sehen zu können, wenn man denn Glück hat. Ich habe auch schon aus berufenem Munde gehört, dass man außer Warzenschweinen nicht viel gesehen hätte. Nun gut, auch diese Tierchen trifft man im Addo an der einen oder anderen Stelle, genau so wie Zebras, Kudus, Red Hartebeests oder die eine oder andere Schildkröte. Selbst eine Herde Büffel, eines der „Big Five“-Tiere Südafrikas liefen uns über den Weg. Und Unmengen an Schmetterlingen, einer farbenprächtiger und schöner als der andere. Nur Giraffen gibt es hier nicht. Aber auch die kann man um die Ecke von Port Elizabeth im Kragga Kamma Game Park besichtigen, ebenso ein paar Nashörner.

Wir wollten jedoch zu den Elefanten! Der Eintritt war an der Rezeption kurz nach dem großen Eingangstor zum Addo entrichtet, pro Person aktuell 21 Euro. Für Südafrikaner ist der Eintritt deutlich günstiger, eine tolle Maßnahme. Hier kann man sich in Deutschland gern mal eine Scheibe abschneiden, denn für eine 4 köpfige Familie ist ein Besuch in einem Tierpark seiner Heimatstadt fast schon Luxus. Wir also mit unserem Ticket im Auto rein in den Park, denn wir wollten selbst fahren. Wer das nicht unbedingt mag, kann auch geführte Touren buchen, bei denen versierte Ranger die Gäste im offenen Jeep zu den Tieren chauffieren. Eine echte Alternative.

Zu Beginn unserer Tour, die am Ende insgesamt rund 4 Stunden dauerte, liefen uns vor allem Dung-Käfer und Schmetterlinge über den Weg. Und ab und an sprang das eine oder andere Wildfleisch durch die Büsche. Von Elefanten nichts zusehen. Die bis hierhin geteerte Straße, auf der man maximal 40 km/h fahren darf, ging nun über in eine gravel road, die zwar befestigt aber aus gelbem und roten Sand besteht und folglich ordentlich staubt. Unser grauer KIA leuchtete am Ende leicht rötlich in der Sonne, feiner Staub überall. Jedenfalls fuhren wir die gravel road nach einem Plan, der uns an der Rezeption mitgegeben wurde. Danach gibt es neben den Hauptstraßen so genannte Loops, in die man abbiegen kann und dann kilometerweise Rundkurse absolviert. Immer in der Hoffnung, die Dickhäuter oder andere Tiere zu entdecken. Und dann kam es, wie es kommen sollte.

Von der Straße aus überblickten wir eine grüne Anhöhe mit Buschwerk, niedrigen Bäumen und Sandhügeln dazwischen. Unspektakulär im ersten Moment. Bis uns dann auffiel, dass diese Hügel sich bewegten und dann erkannten wir sie, eine Herde Elefanten, die sich nur mit ihren Rücken in den Büschen zeigten. Langsam fuhren wir an den Tieren vorbei, hielten an, um sie zu beobachten, denn einige von Ihnen standen sehr nahe, so dass wir gut fotografieren konnten. Unendlich schöne Tiere, groß und beeindruckend, diese Elefanten. Es sollte nicht die letzte Begegnung auf der Tour bleiben.

Denn wir hatten tatsächlich das Glück, an mehreren Stellen im Park auf die Bewohner dieser Landschaft zu stoßen. Und das Ganze – auch fast wortwörtlich – hautnah. Denn in einem anderen Loop marschierten plötzlich erst zwei und dann immer mehr Elefantendamen inklusive eines Elefantenbabys aus dem Gebüsch auf die Straße. Wie niedlich und unbeholfen aber wohl behütet durch die Tanten diese Tierbabys doch sind. Wir begleiteten die Herde in gebührendem Abstand auf ihrem Weg, die Fensterscheibe für gute Fotos heruntergelassen mit dem Gefühl, nun endlich das Elefantenerlebnis gehabt zu haben, das auf unserer Wunschliste stand.

Doch plötzlich erblickte ich als Fahrer im Rückspiegel einen weiteren Elefanten, der immer größer wurde und offensichtlich zu seiner Herde aufschließen wollt. Je näher das Tier kam, um so größer wurde es und uns wurde schlagartig bewusst, dass dies wohl der Bulle der Herde sein musste. Mittlerweile erschien er bildfüllend im Seitenspiegel. Jetzt schien der richtige Moment gekommen, das Seitenfenster zu schließen, langsamer zu atmen, die Lüftung im Auto auszumachen, um jedes Geräusch zu vermeiden, dass den Herrn Bullen vielleicht aggressiv machen könnte. Denn schließlich fuhren wir mit unserem Auto in seinem Wohnzimmer spazieren. Und wer hat das schon gern? Mittlerweile, wir fuhren nur noch Schritttempo, ging er neben uns. Das Licht verfinsterte sich etwas, denn der Typ war riesig und Gott sei Dank ganz offensichtlich ziemlich entspannt. Seine Ohren wackelten nach vorn und hinten, sein Gang war gleichmäßig aber forsch und sein Interesse an uns und unserem Auto schien auf ein Minimum reduziert. Ganz mutig ließen wir das Autofenster wieder herunter, um ordentliche Fotos machen zu können. Noch ein paar Meter weiter und er hatte seine Herde eingeholt, mit der er dann lautlos in die Büsche verschwand. Unsere regelmäßige Atmung setzte wieder ein, glücklich, diesem sanften Riesen so nahe gekommen zu sein.

Auf dem Weg zur Ausfahrt aus dem Addo gab es dann noch eine weitere Begegnung mit einer Elefanten-Herde, die auch ein Baby bei sich führte. Wie man es aus dem Fernsehen kennt marschierten alle mehr oder weniger voreinander und nebeneinander her, die Straße gehörte quasi ihnen. Wir waren das erste Fahrzeug hinter den Tieren und folgten mit ausreichend großem Abstand. Mittlerweile schlossen weitere Fahrzeuge auf, wobei das direkt hinter uns fahrende Vehikel plötzlich zum Überholen ansetzte und sich egoistisch vor uns setzte. Der Abstand zur Herde war deutlich reduziert, was die zum Schluss laufenden Elefanten-Kühe natürlich bemerkten und schon mal durch Körper- und Kopfbewegung ihren leichten Unmut signalisierten. Schließlich fuhr das Auto mit dem jungen Pärchen ihnen fast ins Hinterteil. Als die beiden gesättigt von genügend Fotos auch noch zum Überholen der Herde ansetzte, hatten die beiden Elefantendamen den Rüssel voll, stoppten abrupt ab und sperrten die Straße mit ihren bloßen Körpern. Zack, das hat gesessen. Die Bremslichter gingen sofort an, das Auto stoppte. Wir alle dahinter natürlich auch. Die Sache ist dann Gott sei Dank glimpflich abgelaufen, da die Elefanten offensichtlich die Klügeren waren, sich nicht provozieren ließen und nach diesem kurzen Signal ihrer Unzufriedenheit ihren Heimweg fortsetzten. Wie schnell solch eine Situation durch menschliche Unvernunft tatsächlich ins Auge gehen kann, zeigen zahlreiche Videos zum Beispiel aus dem Krüger Nationalpark.

Kurz vor dem Ende des Ausflugs kamen wir an einer großen Herde Büffel vorbei. Normalerweise hätten wir sie gar nicht entdeckt, da sie sich im Gebüsch versteckt hatten. Da unser Autoscheiben herunter gelassen waren, hörten wir trotz unserer Motorengeräusche ein feuchtes Schnaufen im Dickicht. Ein junger Büffel sprang durch die Vegetation und in Richtung seiner Herde. Ein paar seiner Artgenossen konnten wir tatsächlich fotografieren. Nachdem wir die Herde passierten, entschlossen die sich, die Seiten zu wechseln und marschierten – hinter uns – über die Straße auf die andere Seite des Waldes. Na gut, immerhin konnten wir die mächtigen Jungs und Mädels aus der Nähe sehen. Zu nahe kommen sollte man auch denen nicht. Auch wenn sie eigentlich relativ friedliebend sind, können sie bei Gefahr schnell aggressiv reagieren und werden damit zu ernst zunehmenden Gegnern. Da es im Addo nur eine kleine Population von Büffeln gibt, konnten wir von Glück reden, so kurz vor Schluss diese beeindruckenden Tiere erlebt zu haben.

Ein Besuch im Addo lohnt sich allemal. Auch wenn man nicht so viele Tiere zu sehen bekommt – wir hätten gern schon mal die Löwen oder Tüpfelhyänen getroffen – bietet er neben der Tierwelt auch beeindruckende Landschaften. Die Weite Afrikas spürt man selbst in so einem kleinen Park. Mit „nur“ 1.640 Quadratkilometern ist der Addo immerhin der größte im Eastern Cape, der drittgrößte Park in Südafrika, im Vergleich zum Krüger Nationalpark mit seinen fast 20.000 Quadratkilometern aber winzig. Jedenfalls kann der Addo von sich behaupten, einer der erfolgreichsten Naturschutzreservate zu sein. Aus den ehemals 11 letzten überlebenden Elefanten der Region sind seit 1931 mittlerweile über 400 geworden. Da der Park damit an seine natürlichen Grenzen kommt, soll das Gebiet sukzessive auf mehr als das Doppelte erweitert werden. Die benötigte Fläche ist vermutlich das kleinste Problem dabei.

Weitere Informationen:

https://www.sanparks.org/parks/addo/

2 Gedanken zu “Der Bulle vom Addo

    1. Dem Kommentar von Claudia Heymann kann ich mich nur anschließen.
      Das war dann ja mal ein Abenteuer mit gutem Ausgang.
      Einzigartig die tollen Impressionen, wie auch schon dem Bericht zuvor.

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