Künstlerisches Hermanus

Eigentlich sollte erst ein Beitrag über unsere Zeit in Franschhoek hier erscheinen. Der folgt etwas später, da wir in der Zwischenzeit in Hermanus unterwegs waren und erst einmal über ein tolles Erlebnis in dieser kleinen Stadt berichten müssen. Hermanus liegt an der Walker Bay am Atlantik zwischen Kapstadt und dem wirklich südlichsten Punkt Afrikas, dem Cape Agulhas. Die Walker Bay ist auch bekannt für gute Weine, über die im kommenden Weinblog zu sprechen sein wird.

Im Normalfall kommt man im südafrikanischen Frühjahr, also September/ Oktober herum nach Hermanus, um Wale zu beobachten. Die kommen in dieser Zeit aus der Antarktis an die südafrikanische Küste, um hier ihren Nachwuchs zu gebären. Den Riesen der Meere kommt man dabei nicht nur auf Booten sehr nahe, sondern auch auf dem Walwanderweg, der direkt an der Küste entlangführt. Das Vergnügen hatten wir bereits vor einigen Jahren. Im Moment gibts allerdings keine Wale zu sehen, maximal lassen sich Delphine blicken. Auch schön.

Wir waren zuletzt im Jahr 2016 hier und waren erstaunt, wie der Ort sich entwickelt hat. Unser Vorhaben, die Weinregionen der Walker Bay näher kennenzulernen wich am zweiten Tag unseres Aufenthaltes hier dem Interesse für den Ort Hermanus selbst. Neben interessanten Graffitis an zahlreichen Häuserwänden, bunt bemalten und schön gestalteten Fassaden entwickelt sich hier offenbar eine besondere Affinität zur Kunst. An der Waterfront und drum herum gibt es viele kleine Geschäfte, die zum Bummeln einladen. Und selbstverständlich darf ein Markt mit typisch südafrikanischen Handwerksprodukten nicht fehlen. Unser kleines Apartment, das Goozi-Cottage, lag in zwei Gehminuten-Entfernung zum Ortskern, was für die Erkundung von Vorteil war.

Ein Haus fiel uns allerdings besonders auf. Gleich um die Ecke zu unserem Schlafplatz sahen wir ein Haus mit einem Käfer auf dem Dach. Also einem VW-Käfer. Was uns zu der Annahme verleitete, dass es hier etwas Besonderes zu sehen oder zu kaufen geben muss. Wer stellt sich denn ansonsten schon ein Auto aufs Dach? Und gut, dass wir dieses Haus als erstes auf unserem Stadtrundgang besuchten, denn der Aufenthalt dort dauerte länger, als wir geahnt hatten. Von draußen stand „Romantique“ am Eingang, wir vermuteten so etwas Ähnliches wie ein Antiquariat mit einer romantischen Ausrichtung. Wir lagen nicht ganz falsch.

Uns erwartete tatsächlich eine Mischung aus Museum und altem Spielzeug, Küchenutensilien, Glaswaren, Silber- und Keramikgefäßen, Uhren, Schmuck, Büchern, Spielen und vieles mehr. Alles alte und zum Teil gut erhaltene Dinge des täglichen Lebens aus Großelterns Zeiten. Und alles, was man sehen und anfassen konnte, hatte auch einen Preis, denn das Museum war gar keines, sondern ein echter Vintage-Laden, der den Hauch längst vergangener Zeiten versprühte. Hier ist nichts nachgebaut oder in der Fabrik in Massenproduktion hergestellt und auf alt gemacht. Hier ist alles echt. Echt alt. Als wir mit unserem Rundgang fertig waren, öffnete sich plötzlich noch ein weiter Gang. Noch mehr Spielzeug und ein echtes, kleines Kino. Nicht als Ausstellungsstück, sondern ein betriebsbereiter, heimeliger Kinosaal in rotem Plüsch, in dem regelmäßig Vorführungen laufen. Am Valentinstag in diesem Jahr steht der Klassiker „Casablanca“ auf dem Programm. Ein schönes Ende für den Besuch in diesem Haus.

Da hatten wir aber die Rechnung ohne den Inhaber gemacht. Beim Verlassen des Saals kam uns Blake entgegen und empfahl uns dringend einen Besuch in seinem Garten im Hinterhof. Da könne man noch so Einiges entdecken, nicht nur Handwerkszeug und Automobilteile, sondern auch Devotionalien rund ums Militär und Raritäten der sportlichen Vergangenheit Südafrikas. Bei einer so euphorischen Ansprache konnten wir natürlich nicht nein sagen und landeten in einem sich mehr oder weniger selbst überlassenem Garten mit traumhaft schönen Bäumen und Sträuchern. Riesengroße Hibiskus-Blüten lösten sich ab mit lilafarbenen Bougainvilleen und kleinen Lilien, die überall hervorlugten. Dazwischen ein Brunnen mit Koi-Karpfen und kleine Hütten mit dem von Blake skizzierten Inventar. Es war so viel anzusehen, dass man Tage benötigen würde, um alles zu erfassen. Unsere Nachfrage, wie viele Einzelstücke sich im Haus und im Gartenbereich befinden, wusste niemand eine korrekte Antwort. Im Shop auf der Homepage allerdings seien über 4.000 Stücke gelistet – nur ein Bruchteil der Sammlung.

Für einen letzten Blick in dieses ungewöhnliche Kaufhaus gingen wir noch einmal in den Verkaufsraum und trafen dort auf Lorraine, eine bezaubernde Dame, mit der wir ins Gespräch kamen. Denn sie wollte uns noch ins Obergeschoss des Hauses lotsen, in dem es vorwiegend Damen- und Kinderbekleidung aus vergangenen Zeiten zu sehen gäbe. Eigentlich wollten wir dort nicht hoch, denn die Zeit zum Lunch war schon längst überschritten und die Klamotten würden uns eh nicht passen. Wir plauderten also mit Lorraine über die „guten alten Zeiten“ und kamen dabei vom Hölzchen zum Stöckchen. Und plötzlich waren wir bei gehäkelten Deckchen und Häkelkragen, bei Häkeldecken für Baby-Nashörnern und Handarbeit im ganz großen Stil. Wir kamen also nicht umhin, uns im Obergeschoss umzusehen, denn für Nadelarbeit hatten wir im Schulunterricht schon etwas übrig. Lorraine führte uns also nach oben, wo sich eine große Sammlung von Kleidern, Schals, Hochzeitskleidern, Kinderbekleidung und vieles mehr auftat, auch eine große Anzahl an Modezeitschriften mit Schnittmustern und Strickanleitungen. Von umhäkelten Taschentüchern gab es nur noch ein einziges, wenige Taschentücher mit Brüsseler Spitze und einige maschinell produzierte Spitzentücher lagen im Schrank. Und dabei seien die doch so begehrt, meinte Lorraine am Ende unseres Besuches.

Das war unser Stichwort. Nicht nur, dass wir Decken für Waisen-Nashörner häkeln, sondern Taschentücher mit Häkelspitze gehören auch in unser Repertoire. Der eine oder andere wird grad hintenüberkippen, so wie Lorraine, aber tatsächlich habe ich diese Häkelkunst von meiner Großmutter gelernt, die mir den Umgang mit der Mini-Häkelnadel und dem superdünnen Garn beigebracht hat. Fast niemand interessiert sich heutzutage für diese Häkeltaschentücher, die die Damen von Welt in früheren Zeiten dezent in ihrer Tasche oder im Hemdsärmel mit sich führten oder andernorts körpernah versteckten. Aber Lorraine hat in ihrem Laden offenbar zahlreiche Abnehmerinnen dafür, wie sie versicherte. Naja, und schon war der Deal nahezu perfekt. Wir fliegen nach Hause, zücken die Nadeln und los geht’s mit der Produktion von Damentaschentüchern auf höchstem Niveau. Wir sollten einige davon beim nächsten Besuch mitbringen oder, so Lorraine, am besten vorher schon einmal per Post schicken. Ihre Kundinnen könnten es offenbar kaum erwarten, die Tüchlein zu erwerben, so ihre Überzeugung. Nun stehen wir mit Lorraine im E-Mail-Austausch und schauen mal, was aus dieser ungewöhnlichen und spontanen Verabredung wird. Wir stehen jedenfalls bereit für ein Häkelabenteuer der besonderen Art.

Der eigentliche Plan war ein Lunch im Fick’s Pool Restaurant – der Laden heißt wirklich so. Also wurde es Zeit, sich von Lorraine und dem Romantique zu verabschieden und uns in Richtung Wasser aufzumachen. Das Fick’s liegt in einer sehr engen Bucht direkt über dem stürmischen Atlantik. Allerdings schützt ein (fast) natürlicher Pool vor hohen Wellen. Man kann sogar in diesem Pool baden, zum Teil sehr zum Vergnügen der Gäste auf der Terrasse des Restaurants. Ein Besuch hier lohnt sich definitiv nicht nur wegen des grandiosen Ausblicks, sondern auch wegen der Cocktails und des Essens – einer Mischung aus spanischen Tapas und südafrikanischer Küche – man nennt das hier Pinchos. Lekker!

Als Rückweg in das Ortszentrum nahmen wir dann den einen kleinen Wanderweg direkt an den Klippen, dem Hermanus Biodiversitäts-Wanderweg. Von hier aus hat man einen tollen Blick auf die Küste unter einem, und links und rechts des Weges wachsen tolle Pflanzen mit Blüten, die besonders farbig sind. Der Weg führt direkt zum Gearing’s Point, einem kleinen Park, in dem spannende Skulpturen ausgestellt sind.

Das Projekt heißt „Sculptures on the Cliff“ und ist die jährliche Ausstellung eines seit Jahren erfolgreichen Kunstfestivals namens FynArts. In diesem Jahr feiert das Festival sein 10jähriges Bestehen. Und schon so lange finden jedes Jahr wechselnde Skulptur-Ausstellungen statt. Seit Juni 2022 läuft die aktuelle Ausstellung bereits, sie endet im kommenden Mai. In jedem Jahr lädt das Kunstfestival prominente südafrikanische Bildhauer ein, um eine Skulptur passend zu dem jeweils gewählten Jahresthema zu schaffen.

Leider waren die Tage in Hermanus wieder einmal zu kurz. Natürlich mussten wir noch auf dem typisch südafrikanischen Handwerks-Markt ein paar Kleinigkeiten einkaufen. Aber zu mehr hat es dann zeitlich nicht gereicht. Beim nächsten Mal stehen dann ein Besuch des Voëlklip- und des Grotto-Beaches auf dem Programm, ein paar Besuche von Weingütern in der Region und natürlich ein nächster Besuch bei Lorraine im „Romantique“, vielleicht mit ein paar Taschentüchern im Rucksack. 

Weitere Informationen:

Goozi Cottage (TripAdvisor)
Romantique (Homepage)
Hermanus FynArts – Sculpture on the Cliffs (Homepage)

Ein Gedanke zu “Künstlerisches Hermanus

  1. Tolle Berichte 3.02. und 11.02. mit schönen und sehr vielen Impressionen, vor allem der Besuch bei Lorraine war sehr interessant und die Begegnung mit der Schlange, die zum Glück schnell verschwand, der Leuchtturm und vieles mehr
    🍀👏🏻🍀.
    Liebe Grüße aus dem zur Zeit ungemütlichen Kummerfeld, die ☀️ fehlt uns sehr

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