The Rhino War

Es ist so ziemlich die Hälfte des Urlaubs um, Zeit also für den Strandurlaub. Und den verbringen wir schon fast traditionell in Wilderness im Beach Villa Guesthouse bei Leane und Deon. Das Wetter spielt mit, angenehme sommerliche Temperaturen bei etwas Wind und ganz viel Wellenrauschen. Hier machen wir mal nix, gar nix. Wir liegen auf der Terrasse auf unseren Liegen, schauen den Wellen im Indischen Ozean zu und überlegen, was wir als nächstes nicht tun können. Vielleicht einen Kaffee zapfen oder ein Gläschen Wein, maximal ein Brot zum Lunch. Denn abends gehts in eines der uns gut bekannten Lokale, und dafür muss Platz im Bauch für das eine oder andere Stück Fleisch oder Fisch sein oder für eine leckere Nachspeise. Wir wechseln über die Tage vom The Girls, zum Serendipity, zu Joplins oder zum Blue Olive und fangen dann wieder von vorne an. Wie schön langweilig und entspannt kann Urlaub sein! Zoë und Huw, Freunde aus Oudtshoorn, kamen zu Besuch wie schon in den Jahren zuvor und die Gäste hier im Guesthouse kommen und gehen. Denn die meisten bleiben nur ein bis zwei Nächte an diesem bezaubernden Ort – selbst Schuld! *smile*

In dieser Zeit schaffe ich es immer mal auch ein Buch zu lesen oder zu hören. Vor ein paar Jahren hörte ich Trevor Noahs Geschichte, der mittlerweile ein bekannter südafrikanischer Comedian ist, der zumeist in Amerika lebt und demnächst mit seinem Programm auf Tor geht – auch in Deutschland, leider nicht in Hamburg. Sein Buch empfahl mir ein Bekannter aus Deutschland.
In diesem Jahr gab mir Rick, unser Gastgeber aus Bloubergstrand, ein Buch mit auf die Reise, so ein richtiges zum Anfassen und Blättern. Er selbst hatte es vor einiger Zeit gelesen und meinte nach einem Gespräch über unsere Versand-Aktion der Häkeldecken für die Baby-Nashörner, dass mich dieses Buch sicher interessieren würde. Denn es handelt vom Kampf zur Rettung der Nashörner im Kruger Nationalpark.

Johan Jooste, ein General der südafrikanischen Armee (South African Defence Force), wurde im Jahr 2012 von der Verwaltung der SANParks, also der Nationalparkverwaltung Südafrikas engagiert, um sich mit seiner Erfahrung in die Rettung der Nashörner einzubringen. Jooste verbrachte 35 Jahre seines Lebens in der Armee in verschiedenen Verwendungen und verließ das Militär als stellvertretender Chef der Armee. Nach einem Ausflug in die Privatwirtschaft stieg er dann 2012 als General a.D. in die Rettung der Nashörner ein und sagte den Wilderern dieser stattlichen Tiere den Kampf an. Mit seiner militärischen Ausbildung und Erfahrung führte er mit den Rangern im Kruger paramilitärische Strukturen ein, um so ein Gegengewicht zu den überbordenden Aktivitäten der Wilderer zu setzen. Denn die sind gut organisiert und strukturiert, arbeiten über Mittelsmänner und führende Köpfe, er nennt sie “kingpins”, in nahezu Mafia ähnlichen Strukturen. Und zwar im Wesentlichen außerhalb von Südafrika in benachbarten Ländern. Es kam also darauf an, im Kruger und in angrenzenden, auch privaten, Parks gemeinsam zu agieren und sich technisch, taktisch und juristisch gut aufzustellen. Wie das gelingen konnte, welche Hürden dabei zu nehmen sind und welche auch heute noch bestehen, beschreibt Jooste in seinem Buch “Rhino War” sehr genau und nimmt dabei auch keinen Blatt vor dem Mund, warum manche guten Projekte scheiterten. Wer nachlesen möchte, kann das Buch auch als Hörbuch bestellen, allerdings gibt es beides nur auf englisch. Mit meinen einigermaßen holprigen, sehr urbanen Englisch-Kenntnissen bin ich da aber gut durchgekommen. Also nur Mut, denn es lohnt sich, die Geschichte zu lesen.

In unserer aufgeklärten Gesellschaft fragt man sich natürlich, warum Nashörner nach wie vor gejagt und abgeschlachtet werden? Denn international ist der Handel mit Horn verboten. Das Horn soll angeblich – nach Meinung vor allem asiatischer Länder – so einige Zauberkräfte enthalten. Fein gemahlen und eingenommen soll es Krebs heilen, die Potenz steigern und noch vieles mehr. Wer dies glaubt, sollte sich am besten von Fingernägeln ernähren, denn aus nichts anderem besteht das Horn der Rhinos. Wissenschaftlich bewiesen hat das Horn keine der gewünschten Wirkungen und ist damit nichts anderes als purer Hokuspokus. Was wirklich dahinter steckt sind wirtschaftliche Interessen der Wilderer-Mafia. Ein Kilogramm Horn bringt auf dem Markt bis zu 60.000 Dollar, also deutlich mehr als Gold. Dafür müssen jährlich hunderte Tiere auf grausame Art und Weise ihr Leben lassen. Muttertiere werden abgeschlachtet, die Mini-Nashörner bleiben allein bei ihrer toten Mutter, bis sie selbst vor Durst sterben oder von Hyänen gefressen werden. Mittlerweile hat sich eine Waisenhaus-Struktur entwickelt, in die die kleinen Rhinos gebracht werden – wenn man sie denn rechtzeitig findet. Und dann bekommen sie dort unsere Häkeldecken, denn die sind bunt, halten warm und tragen zum Wohlbefinden der Baby-Nashörner bei. Werden auch gern mal von kleinen Elefanten genutzt – Khanyisa von HERD – Hoedspruit Elephant Rehabilitation and Development trägt meine Decke, die ich schon 2017 mit hierher gebracht hatte!

Die von Johan Jooste im Kruger etablierten Maßnahmen haben letztlich dazu geführt, dass der damals immense Anstieg an Nashorn-Tötungen durchbrochen wurde und sich tatsächlich die Zahl der gewilderten Tiere reduziert hatte. Von Jahr zu Jahr wurden der Statistik zu Folge weniger Nashörner getötet. In 2015 waren es noch 826, in 2020 dann noch 247 – allerdings nur bezogen auf den Kruger Nationalpark. Die Zahl der neugeborenen Nashörner war in 2020 größer als die durch Wilderer getöteten Tiere.

Viele Möglichkeiten zum Schutz der Tiere spricht Jooste in seinem Buch an. Die wirksamste Methode scheint für ihn die Einführung der paramilitärischen Strukturen, die gute Ausbildung und die finanzielle Unterstellung bei der Beschaffung von Technik und der technischen Intelligenz zu liegen. Er setzte sich mit dieser Methode zahlreicher Kritik aus, der Erfolg seiner Maßnahmen gibt ihm aber jedenfalls Recht. Auch wird immer wieder die Frage diskutiert, ob die Aufhebung des Handelsverbots mit Horn von Nashörnern nicht der bessere Weg sei, um die Tiere zu schützen. Auf zu etablierenden Nashorn-Farmen könnte man den Tieren regelmäßig das Horn schmerzfrei abnehmen und so den Markt für gewildertes Horn zerstören, denn es würde deutlich billiger angeboten werden können. Auf der anderen Seite würde man damit das Geschäft der Horn-Mafia legalisieren, was zu mehr Tötungen in freier Wildbahn führen würde. Denn, so bescheuert das klingt: das Horn von wild lebenden Nashörnern soll mehr Kraft und Potenzial als das von gezüchteten Tieren haben, wird kolportiert. Wer das glaubt, der glaubt auch an fliegende Giraffen. Deshalb scheint die Investition in Aufklärung die einzige Chance zu sein, den Kampf gegen die Wilderer entschlossen fortzusetzen. Und man muss sich um die von Armut betroffenen Menschen, die für die Geschäftsleute im Hintergrund jede Nacht auf die Jagd nach Nashörner gehen und dabei ihre Freiheit riskieren, andere Perspektiven bieten. Denn Tausende um die Parks herum leben zumindest mittelbar von der Jagd auf Nashörner und haben mit empfindlichen Gefängnisstrafen zu rechnen, werden sie dabei erwischt.

Kein ganz leichtes Thema für eine Urlaubslektüre. Aber noch einmal etwas tiefer in die Thematik einzutauchen als wir es ohnehin schon durch das persönliche Engagement sind, war auch interessant. Und wenn man merkt, dass die Hilfe von zu Hause aus lohnt, und sei es auch nur mit unseren bunten Nashorn-Decken oder einer Wolle-Spende von Freunden und Bekannten dafür, fühlt man sich den Menschen vor Ort, die jeden Tag für die Sache eintreten, ein kleines Stückchen näher.

Wir genießen jetzt noch einen Moment die Sonne und das Meer in Wilderness, bevor es in den nächsten Tagen weiter geht nach Plettenberg Bay.


2 Gedanken zu “The Rhino War

  1. the „Rhino war“ finde ich sehr spannend. Muss ich unbedingt lesen. Nashörner kontrolliert das Horn abzunehmen und den Einheimischen eine legale Arbeit damit zu ermöglichen finde ich eine gute Idee. Warum die Asiaten noch daran Glauben ist mir schleierhaft, ich denke es geht darum sagen zu können ich kann es mir leisten Nashornmehl zu kaufen. Mafiös wie immer wenn es sich um illegale Tierprodukte handelt.

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